Herzlich willkommen!





Konzertberichte:

German Rock News
Berlin 10.10.2003
 
Nordwest-Zeitung
Oldenburg 17.10.2003
 
Delmenhorster Kreisblatt
Delmenhorst 23.10.2003
 
General Anzeiger
Bonn 03.12.2003
 
Weitere Kommentare im
Gästebuch

Michels - live & acoustic

Berlin, "Quasimodo", 10. Oktober 2003
 

Passend zur Veröffentlichung seines kompletten Tonträger-Kataloges bei "Warner Music" begab sich Wolfgang Michels, Deutschlands erster Folk-Rocker und Songpoet, das erste Mal in seiner langjährigen Karriere auf Tour durch die besten Songwriter-Clubs der Republik. Der letzte Live-Auftritt, eher ein Geheim-Gig, lag viele Jahre zurück und manch einer hielt Michels für verrückt.

 

Der Tour-Auftakt fand im bekannten, traditionsreichen Quasimodo in Berlin-West bei Vollmond statt. Im gut gefüllten Club herrschte eine angenehme, konzentrierte Atmosphäre. Michels (Gesang & Gitarre) trat mit einem akustischen Setup auf, begleitet von Nils Tuxen (Gitarren, Mandoline, Dobro) und Benjamin Hüllenkremer (Bass), also zwei erfahrenen Profi-Studiomusikern, die schon lange mit Michels zusammenarbeiten. Ein eingespieltes Team.

 

Das Konzert begann später als angekündigt und als Michels die kleine Bühne betrat, wirkte er sehr scheu und fast ein wenig schmächtig. Gerade noch hatte die Musikpresse ihn als „Legende! Pionier! Kultfigur!“ gefeiert, aber das schien ihm im Moment der direkten Konfrontation mit der Öffentlichkeit egal oder sogar etwas peinlich zu sein. Michels ist einer der bescheidensten Künstler und demonstriert seine Größe am besten in einzigartigen Songs.

 

Das Programm startete mit entspannten Balladen aus verschiedenen Zeiten ("Love Takes You Everywhere", "Bring Me Water") und zog dann langsam an. Die anfängliche nachvollziehbare Unsicherheit legte sich zumindest musikalisch relativ schnell, doch Michels redete kaum und schaute nicht ins Publikum. Erst als Nils sein Instrument wechselte, was er noch sehr oft an diesem Abend tat, musste der Sänger die Pause überbrücken. Er entdeckte bekannte Gesichter unter den Zuschauern, Blicke kreuzten sich, Gedanken auch. Michels kam immer mehr ins Plaudern - sehr charmant, interessant und locker - und flirtete mit Damen am Bühnenrand. Seine Augen leuchteten in seinem Lausbuben-Gesicht mit dem unvergleichbaren Schmunzeln. Frech, sanftmütig, kontemplativ oder heiter zeigte er an diesem Abend viele seiner charakteristischen Facetten. Gesanglich war er vielleicht in der Form seines Lebens, denn seine Stimme klang herrlich voll, warm und kräftig. Und das ohne künstlich-technische Optimierung. Aus dem Herzen über die Lippen ins Mikro, von dort in offene Ohren & Herzen.

 

Kurz vor der Pause, beim Song "Set You Free", kam erstmals eine unbeschreibliche Magie auf, die den ganzen Raum füllte: Wolfgang Michels hatte seine Mitte gefunden, die Band war eine Einheit und der Song wurde ganz groß. Nils Tuxen, der wunderbare dänische Gitarrist, (ver)zauberte auf seinen akustischen & elektrischen Gitarren (u. a. eine Rickenbacker 12-String und eine Gibson 345, beides Original-Modelle aus den 60er Jahren, sowie Pedal-Steel, Dobro & Mandoline) und Benjamin Hüllenkremer machte mit seinen Bässen angenehmen Druck. Er hatte die Setlist erst zwei Tage (!) zuvor einstudiert & spielte trotzdem erstklassig, Kompliment.

 

Nach einer halbstündigen Pause ging’s weiter und die drei Magier knüpften vom Niveau her an das großartige Ende vom ersten Teil an. Wolfgang, Nils und Benjamin spielten schon fast außerhalb der obersten Liga und das Publikum ging gut mit. Michels schien sich nun extrem wohl zu fühlen auf der Bühne. Es war auch schön, zu sehen, wie lieb er sich um seine Mit-Musiker kümmerte, sie anspielte & anlachte, sich integrierte und immer wieder fragend um sich schaute, um den Gemütszustand der anderen zu checken. Sie spielten eine bunte, aber stimmige Mischung aus alten Klassikern von Michels‘ früherer Band Percewood‘s Onagram und seinen Solo-Werken, englische und deutschsprachige Songs, ja sogar bisher unveröffentlichte Titel wie "Deal Together" oder "Bald Zuhause". Höhepunkte gab es viele, u. a. die rockigen Nummern "Cause Me Pain" und "Sing This Song Together", die hochaktuellen Songs "Leaders" und "Who’s The Sailor" und balladeske Perlen wie "Whatever You Do", "Up On The Hill" oder "Lover & Friend". Es war nicht eine schwache Interpretation dabei. Und das nach so langer Live-Abstinenz ... Klasse!

 

Besonders aufregend war die eigenwillige Version des Songs "Ich bin müde", den Michels einst zusammen mit Rio Reiser schrieb und der im Oktober 2003 von "Fettes Brot" gecovert wurde: Benjamin tauschte dazu seinen Bass gegen eine Beat-Box namens Cajon aus und erzeugte einen geilen Groove. Aber auch Michels ging mit seiner Akustik-Gitarre nicht gerade sanft um, spielte rhythmisch, unkonventionell und druckvoll. Wenn drei Vollblutmusiker auf der Bühne stehen und Menschen mit emotionalen Songs berühren, dann nenn ich das Kunst. Danke dafür.

 

Dankbar forderte das sonst so verhaltene Berliner Publikum immer wieder lautstark Zugaben, die es auch bekam und zwar vom Feinsten (u.a. "Ramona From Roma", "You Know We’re Gonna Make It"). Nach der letzten Zugabe - "Wenn ich mich so fühl wie heute" trieb einem die Tränen in die Augen - war es weit nach Mitternacht. Die Musiker kamen nach vorne zum Publikum und stellten sich bereitwillig den Fragen und Autogrammwünschen der Fans. Alle Beteiligten hatten einen besonderen, wunderschönen Abend erlebt und wirkten sehr glücklich.

 

Ich hatte das ausgesprochene Vergnügen, Michels am 19.10. noch einmal „live & acoustic“ im Hamburger "Knust" zu erleben, wo der bassige Benjamin leider nicht dabei sein konnte. Dort spielten Wolfgang und Nils routinierter, aber nicht weniger energiegeladen. Die geheimnisvolle Magie des Berliner Gigs entstand zwar nicht ganz, hielt jedoch die Menschen auf und vor der Bühne nicht davon ab, sich verzaubern zu lassen. Kommentare wie „Prachtkerl“, „Göttliche Stimme“ oder „Fantastisch“, die Michels aus dem begeisterten Publikum zuflogen, geben nur fragmentarisch Michels‘ intensive Wirkung wieder, die wie eine erhellende Droge sein kann.

 

Was will man eigentlich mehr? Mehr. Mehr Michels.

 
German Rock News